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Konzept der Unterseeschule

Im Zentrum des gemeinsamen Lernens an der Unterseeschule stehen die  Entwicklungsbedürfnisse der Kinder und Jugendlichen. Wie jede Schule in Deutschland orientiert sich auch die Unterseeschule an einen staatlich vorgegebenen Bildungsplan: Die darin vorgegebenen Inhalte sind in der vorbereiteten Umgebung und in Angeboten abgebildet. Der Unterschied zur Regelschule besteht darin, dass nicht diese Inhalte, sondern die  individuellen Lernbedürfnisse der Schülerinnen und Schüler den Rhythmus ihrer Aneignung bestimmen. Zu diesem Zweck wurde die Schule am Leitfaden des Stufenmodells kindlicher Entwicklung durch Jean Piaget strukturiert. Diese Stufen umfassen je etwa drei Jahre, entsprechen also 3 Jahrgängen einer Regelschule:

Primaria 1 – präoperationale Phase
Primaria 2 – konkret-operationale Phase
Sekundaria 1 und 2 – formal-operationale Phase

Jedes Lernen beginnt ganz konkret körperlich und sinnlich über alle Kanäle, die dem Menschen verfügbar sind. Im Lauf der Entwicklung nimmt es zunehmend abstrakte Formen an, bewegt sich also vom Körper und den Sinnesorganen weg, ohne diese jedoch je ganz zu verlieren, und hin zu rein geistig-modellhaften Denkvorgängen.

Ganz selbstverständlich kann sich diese Entwicklung dann entfalten, wenn sie durch gezielt eingerichtete und an die jeweilige Entwicklungsphase angepasste Lernumgebungen gestützt wird. Raum und Materialien, die den Kindern und Jugendlichen verfügbar gemacht werden, sollten ihren Formen der Weltaneignung entgegenkommen. Am Anfang stehen unstrukturierte Materialien – Sand, Lehm, Steine etc. –, am Ende Medien und Werkzeuge aller Art, die vielfach sehr speziellen Anwendungen dienen (z.B. ein Mikroskop oder ein Lehrbuch). Werden Kinder und Jugendliche zum falschen Zeitpunkt mit bestimmten Materialien konfrontiert, kann keine kreative Auseinandersetzung, kann kein Lernen stattfinden. Vierjährige lernen buchstäblich nichts aus Lehrfilmen oder Tiptoi-Büchern. Im Gegenteil: zum falschen Zeitpunkt eingesetzte Medien stören den natürlichen Entwicklungsverlauf und können ihn hemmen, weil sie die Lernenergie vom Kind abziehen und es zum passiven Empfänger medialer Signale – ich drücke den Knopf und ein Lämpchen blinkt – wird.

Aus demselben Grund werden die angebotenen Materialien nicht als didaktisch zweckgebunden aufgefasst, sondern als Spielangebote hoher eigener Sinnlichkeit, als Möglichkeiten, bestimmte Erfahrungen zu machen. Diese Auffassung unterscheidet sich grundlegend von der zweckgebundenen Ansicht, das Material sei dazu da, die Grundrechenarten oder das Alphabet zu erlernen – selbst wenn es Effekt der Beschäftigung mit diesem Material ist, genau das im Umgang mit ihm gelernt zu haben.

Das Fehlen einer unmittelbar zielgerichteten Lernvorgabe wird an unserer Schule mit dem Begriff der 'Nichtdirektivität' belegt. Dieser Begriff dient dazu, den Verzicht auf didaktische Handlungsanweisungen zu benennen. Gleichzeitig bedeutet er nicht den Verzicht auf Erwartungen oder Anregungen. Erwartungen stehen immer im Raum – etwa die Erwartung, dass ein Kind auf der Schule lesen und schreiben lernt. Erwartungen sind wertneutral, solange sich diejenigen, die sie hegen, ihrer bewusst sind und sie nicht unhinterfragt ihren Handlungen unterlegen. Anregungen sind notwendig – in dieser Auffassung unterscheidet sich die Unterseeschule von anderen freien Schulen –, um eine Überforderung von Schülerinnen und Schülern durch Beimessung unbearbeitbarer Freiräume zu verhindern.

Man könnte deshalb von einer Kultur der Inspiration sprechen. Wir sagen 'Kinder orientieren sich an Erwachsenen und das ist gesund'. Wenn Erwachsene sich so verhalten, dass sie keine Macht ausüben, die dem Kind schadet, indem sie es loben oder kritisieren und dadurch das Kind manipulieren, dann bieten Erwachsene für Kinder Lernmodelle, Trainingsfelder, Möglichkeitsräume. Erwachsene vermitteln am besten, indem sie das tun, was sie selbst begeistert und diese Begeisterung teilen. Begeisterung steckt an.

Begeisterung ist vielleicht die produktivste Stimmung für jede Form von Lernen, weil sie die Aufmerksamkeit polarisiert (Maria Montessori). Polarisation ist der Moment, wo sich ein Kind oder Jugendlicher so auf eine Tätigkeit einlassen kann, dass sie oder er darin völlig aufgeht. Alle anderen Kanäle sind ausgeschaltet, alles geht an einen Pol. Viele kennen das Konzept der Polarisation unter dem Namen Flow. Das ist genau dasselbe.

Die Begeisterung der Erwachsenen, die die Kinder und Jugendlichen durch den Schulalltag begleiten, sichert außerdem einen zentralen weiteren Wert der Unterseeschule, die Gleichwürdigkeit (Jesper Juul). Man hat zwar nicht die gleichen Verantwortlichkeiten, Rechte und Pflichten, aber man begegnet sich auf Augenhöhe und insofern in symmetrischer Partnerschaft. Das bedeutet: als Erwachsener habe ich schon die Verantwortung, Kinder vor Umwelteinflüssen zu schützen, die sie aufgrund ihres Entwicklungsalters nicht einschätzen können – etwa die Geschwindigkeit eines heranfahrenden Autos –, aber ich kann daraus kein Recht zu unterschiedlichen Regeln – Erwachsene dürfen Süssigkeiten essen, Kinder nicht – ableiten.

Gleichwürdigkeit ist ein Garant dafür, dass Bindung lebendig bleibt. Sie ist die Qualität, die Bindung überhaupt ermöglicht. Nur in vertrauensvoller Beziehung orientieren sich Kinder und Jugendliche an Erwachsenen. Lernen ist, so könnte man das auch übersetzen, besteht im gemeinsamen Wachstum innerhalb von Beziehungen.

Die Qualität dieser Beziehungen sichert auch, dass die Künstlichkeit der Lernumgebung 'Schule' als sinnvoll erfahren wird. Schule trägt, soviel vermittelt uns das Gerede vom Leben, für das man lerne, ihren Sinn nicht einfach in sich selbst. Je älter Jugendliche werden, desto stärker hinterfragen sie auch die Sinnhaftigkeit schulischen Lernens. Ein Symptom für diese Frage ist die Orientierung von Tätigkeiten auf eine mögliche 'Prüfungsrelevanz' hin. Aufgabe der Unterseeschule wird sein, diese Fragen liebevoll aufzunehmen, die oder den Fragenden aber immer wieder rückzubinden an die in ihr oder ihm selbst steckende Kraft, sich für eine Sache oder ein Thema zu begeistern.